Bericht

Neue Wege auf dem «Planet Onko»


Tagung der Kinderkrebshilfe Schweiz, 15. November 2014

Wie Grosseltern leiden, wenn der Enkel an Krebs erkrankt, wie eine Reha-Klinik der Familie helfen kann, und wie Kinderspitäler die Komplementärmedizin in die Behandlung integrieren, das war an der Tagung der Kinderkrebshilfe Schweiz im Fachhochschulzentrum St. Gallen zu erfahren.

 

«Prendre un enfant par la main», singt Heiri Trümpy an der Tagung der Kinderkrebshilfe, und spielt dabei auf seiner Handharmonika. Seine Musik umrahmt die Lesung seiner Frau Brigitte Trümpy Birkeland. Diese erzählt von ihrem Leiden als Grosseltern eines krebskranken Kindes und liest immer wieder Abschnitte aus ihrem Buch «Sternenkind – wie Till seinen Himmel fand» vor. Wie gebannt blicken die Besucherinnen und Besucher der Kinderkrebstagung zu ihr, da und dort füllen sich Augen mit Tränen, röten sich Wangen. Die Erzählung bewegt, vor allem hier, unter diesen Menschen, die genau wissen, worum es geht, da sie Ähnliches erlebt haben, erleben mussten. Sie haben ein krebskrankes Kind durch die schwierigen Jahre begleitet oder, die Jüngeren unter ihnen, waren gar selber krebskrank.

Wut, Angst, Freude – und ein Vermächtnis

Und doch: Die Erzählung bringt eine neue Sicht in die Kinderkrebshilfe ein, die eine Selbsthilfeorganisation von Eltern krebskranker Kinder ist. Es ist die Sicht der Grossmütter und Grossväter. Sie sind oft nahe am Familiengeschehen und sehr davon betroffen, springen immer wieder helfend ein und müssen sich doch zurückhalten, um der Familie des krebskranken Kindes nicht zur Last zu fallen. Brigitte Trümpy berichtet vom Schock der Diagnose und von vielerlei Bemühungen, dem kranken Enkel Till und seiner Schwester Malin ein kindgerechtes, fröhliches Leben zu ermöglichen auf «Planet Onko». Sie erzählt von ihrer Wut und Angst, der Enkel müsse womöglich vor ihr sterben. Aber auch Freuden kommen zur Sprache, die das Leben trotz allem bietet, und die meist im Zwischenmenschlichen angesiedelt sind. So wenden sich zwar frühere Freunde ab, tauchen aber unerwartet neue auf, die zur Stütze im schwierigen Leben werden. Den Kampf gegen den Krebs hat Till vor vier Jahren verloren. «Doch er hat ein Vermächtnis hinterlassen», sagt die Autorin. Sie fühlte sich aufgefordert, das Thema weiter zu verfolgen. So schrieb sie ein Buch über das Erlebte und gründete eine Kontaktstelle für betroffene Grosseltern (www.sternenkinder-grosseltern.ch).

Eine Reha kann Familien und Lebensläufe retten

Auch die Katharinenhöhe sei ein Planet für sich, lehnt sich Stephan Maier an die Worte seiner Vorrednerin an. Der Geschäftsführer der Rehaklinik Katharinenhöhe Schönwald berichtet leicht ironisch und mit Comics bebildert von seiner Institution. Die Klinik im Schwarzwald ist auf stationäre Rehabilitation von krebserkrankten Kindern und Jugendlichen spezialisiert und setzt auf eine umfassende Betreuung. Da wird nicht nur das kranke Kind therapiert, seine Muskeln aufgebaut, sein Schulstoff nachgeholt, seine Kontaktmöglichkeiten in Spielgruppen erweitert. Auch die Geschwisterkinder besuchen die Spielgruppen, die Ergotherapie, die Heilpädagogik und den Schulunterricht, um ihre Fähigkeiten zu erweitern und das Geschehene zu verarbeiten. Und die Eltern gewinnen Zeit für ihre Paarbeziehung und für sportliche und handwerkliche Betätigungen. Sie erhalten psychologische Unterstützung und tauschen sich in Gruppengesprächen unter ihresgleichen aus.

In einem separaten Wohnbereich der Reha leben die jugendlichen Patienten und bewegen sich in ihrer Altersgruppe. Sie erhalten ebenfalls die individuell notwendige medizinische und therapeutische Hilfe, setzen sich aber auch gleichzeitig, fachlich unterstützt, mit ihren Fragen auseinander, etwa mit Sexualität, Familiengründung und Berufsfindung.

«Die Rehabilitation kann Familien und Lebensläufe retten», bringt Maier die Möglichkeiten seiner Klinik auf den Punkt. Sie mache aus potentiellen Beitragsempfängern künftige Beitragszahler und sei insofern auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Maier zeigt Bilder von den Werkräumen, der Kletterwand, dem Hochseilgarten und einer Tauchaktion im klinikeigenen Hallenbad und meint schliesslich: Die Katharinenhöhe würde gern weitere Familien aus der Schweiz willkommen heissen.

Kinderspitäler erweitern die Behandlung mit Komplementärmedizin

Auch in den Kinderspitälern sollten Behandlung und Betreuung umfassender werden. Darüber sind sich die Ärztinnen Jeanette Greiner und Sonja Lüer sowie der Arzt Tycho Zuzak an der Tagung einig. Die Referenten meinen damit: Die bisher schulmedizinische Behandlung sollte erweitert werden mit Komplementärmedizin. Das sind die Schulmedizin ergänzenden heilendungsfördernde Massnahmen, etwa Homöopathie, Pflanzenheilkunde, klassische chinesische Medizin, anthroposophische Medizin und andere mehr. Wer Schulmedizin und Komplementärmedizin kombiniert, betreibt Integrative Medizin, ist an der Tagung zu erfahren.

Mehr als 75 Prozent der Eltern wünschen, dass ihre krebskranken Kinder auch komplementärmedizinisch betreut werden, weiss Jeanette Greiner. Sie ist Leitende Ärztin am Zentrum für Hämatologie/Onkologie am Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen und engagiert sich dort für die neue Art medizinischer Betreuung. Doch Komplementärmedizin im Spital einzuführen, ist nicht einfach. Dafür müssten Ärztinnen und Ärzte eine neue Haltung dem Menschen und dem Leben gegenüber entwickeln, ist Greiner überzeugt. Und zwar folgende: Der Mensch ist viel mehr als die Summe seiner Symptome.

Werden kranke Kinder in der Schweiz komplementärmedizinisch behandelt, wird bei ihnen hauptsächlich Pflanzenheilkunde und Homöopathie angewandt, selten auch anthroposophische Medizin, sagt Tycho Zuzak. Der Schweizer ist Leitender Oberarzt Kinderonkologie im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und der Kinderonkologie Universitätsklinikum Essen. In Deutschland erhalten krebskranke Kinder vor allem homöopathische Mittel. Das weiss Zuzak nicht nur aus seiner Erfahrung als Arzt.

Sein Wirkungsfeld, das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, liegt im Ruhrgebiet und ist laut Zuzak die einzige Klinik für integrative Kinderonkologie in Europa. Krebskranke Kinder erhalten hier die übliche Chemotherapie, werden bestrahlt und operiert – wie an anderen Kinderspitälern auch. Gleichzeitig versuchen die Ärzte in Herdecke, den Allgemeinzustand ihrer kleinen Patienten mit anthroposophischer Medizin, einer Kombination von Pflanzenheilkunde und Homöopathie, zu verbessern. Schmerzt der Bauch, erhalten die Kinder einen Bauchwickel mit Kümmelöl, fehlt der Hunger, schlucken sie homöopathische Globuli, sind sie müde oder nervös, weckt oder beruhigt das entsprechende Aroma-Öl. Allgemein achtet das Spital darauf, dass die behandelten Kinder normal essen und aktiv bleiben. Die in Spitälern üblichen Fernseher fehlen, dafür erhalten die Kinder Mal- und Musiktherapien. Das hilft der Psyche, ist Zuzak überzeugt.

Der Herdecker Oberarzt praktiziert nicht nur, er forscht auch zu Komplementärmedizin am Universitätsklinikum Essen, einem der grössten kinderonkologischen Zentren Deutschlands. Das kommt den Patienten zugute. Sie erhalten eine fundierte, konsequente Beratung zu komplementärmedizinischen Möglichkeiten. Auch an der Tagung gibt der Mediziner von seinem Wissen preis. Er sagt: Weihrauch hilft gegen Hirndruck, Ringelblumen-Extrakt ist gut gegen Schleimhautentzündung, Buschmeister-Schlangengift mindert das Fieber nach der Chemotherapie und die Misteltherapie verbessert die Lebensqualität. Ob Misteln den Tumor stoppen können, wie teilweise behauptet, ist laut Zuzak unklar.

Überhaupt warnt der Arzt: «Komplementärmedizin ist keineswegs harmlos». Auch diese Art Medizin habe Wirkungen, teilweise also auch Nebenwirkungen. Eine zu hohe Dosis Misteltherapie könne einen – harmlosen – Rötelkrebs wachsen lassen. Ausserdem seien Interaktionen der beiden Behandlungsarten möglich. So können gewisse komplementärmedizinische Mittel die Wirkung der  Chemotherapie vermindern.

In Bern und St. Gallen engagieren sich Ärztinnen

In der Schweiz hat noch kein Kinderspital die Komplementärmedizin vollständig in die Onkologie integriert, wie die Berichte aus dem Inselspital Bern und dem Ostschweizer Kinderspital St. Gallen zeigen. Erste Ansätze in diese Richtung gibt es aber.

Am Berner Inselspital, konkret in der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie der Universitätsklinik für Kinderheilkunde Bern, kann die onkologische Behandlung komplementärmedizinisch begleitet werden, wie Dr. Sonja Lüer, Oberärztin für pädiatrische Hämatologie/Onkologie, ausführt. Auf Wunsch der Eltern lässt der Onkologe einen Arzt des Instituts für Komplementärmedizin der Universität Bern (Ikom) auf die Abteilung kommen. Sie verschreiben den Kindern und Jugendlichen – zusätzlich zur onkologischen Behandlung, vor allem homöopathische und anthroposophische Medikamente. Traditionell Chinesische Medizin, Akupunktur oder neuraltherapeutische Medizin, die auch am Ikom vertreten sind, kommen hier momentan nicht zum Einsatz. Lüer, die sich für Komplementärmedizin in ihrer Abteilung engagiert, forscht auch über entsprechende Medikamente, unter anderem über den Einsatz von Gelbwurz (Curcuma) bei krebstherapiebedingten Schleimhautentzündungen.

Das Kinderspital Bern hat – gleich wie das Ostschweizer Kinderspital – auch Musiktherapie, Werken, psychoonkologischer Betreuungen und Clown-Visiten im Angebot.

«Leider ziehen noch nicht alle an einem Strick», bedauert Lüer und zeigt einen Comic einer Seilschaft am Berg, bei der die einen vorwärts, andere aber rückwärts blicken und den Aufstieg verzögern. Letztere sind offenbar auf Spital- wie auf Patientenseite anzutreffen. Einerseits sei komplementärmedizinische Begleitung noch nicht optimal in die Spitalbehandlung integriert, so Lüer, andererseits verschwiegen Eltern teilweise ihren Wunsch nach einer komplementärmedizinische Mitbehandlung für ihr Kind. Eltern und Ärzte sollten unbedingt offen miteinander reden, sagt die Ärztin.

Im Ostschweizer Kinderspital wurde das komplementär medizinische Engagement von der Ärzteschaft erst zurückhaltend aufgenommen. Das bekam Jeanette Greiner, Leitende Ärztin für Hämatologie/Onkologe zu spüren, als sie ihr Projekt vorstellte. Dieses sah vor, auf ihrer kinderonkologischen Station zwei definierte komplementärmedizinische Massnahmen einzuführen, und zwar in Kooperation mit dem Zentrum für Integrative Medizin des Kantonsspitals St. Gallen. Auch Schulung, Evaluation und Dokumentation waren eingeplant. Greiner musste Überzeugungsarbeit leisten. Inzwischen steht die Kooperation zwischen dem Ostschweizer Kinderspitals und dem Zentrum für Integrative Medizin im Kantonsspital St. Gallen kurz vor der Unterschrift.

Die Kooperation werde die Situation deutlich verbessern, ist Greiner überzeugt. Damit könnten nun integrativmedizinische  Möglichkeiten im ärztlichen Gespräch thematisiert werden. Bisher wagten viele Eltern –wie in Bern - nicht, darüber zu reden, nahmen aber für ihr Kind komplementärmedizinische Massnahmen in Anspruch, quasi hinter dem Rücken des Spitals und unkontrolliert. Das führte teilweise zu Komplikationen oder gar gefährlichen Situationen.

Ein Problem, das alle drei Mediziner kennen. Deshalb plädieren sie für eine kontrollierte integrativmedizinische Behandlung im Spital, damit diese fehlerfrei ablaufe. Und sie legen den anwesenden Eltern ans Herz: Drücken viele Patientinnen und Patienten ihr Bedürfnis nach integrativer Medizin offen aus, wird der Wunsch zum Muss im Behandlungsgebot. 

Regula Pfeifer

 

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