Bericht

Was die verkappten Zwerge in Amerika erleben


4.-10. Oktober 2014: Familienferien Meiringen

Ein echter Indianer weiss, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht. Und das wollen die verkappten Zwergenkinder während der Familienferien Meiringen lernen. Schliesslich geht ihre Reise in diesem Donnerstag nach Amerika.

«Schiessen wir den Flieger runter», ruft Pascal (11), lacht, richtet seinen Pfeilbogen in die Luft und zielt dann doch lieber auf den Holzstoss gegenüber. Hoch oben über dem Wald donnert ein Militärflugzeug rüber. Der blonde, gertenschlanke Teenager übt Bogenschiessen im Tipidorf von Hasli-Aktiv, wie andere Kinder auch, die an den diesjährigen Familienferien der Kinderkrebshilfe in Meiringen teilnehmen. Sein Pfeil landet oft weit über dem Zielpapier im Holzstoss oder gar im Wald dahinter. «Ich sollte wohl besser die Wiese im Auge haben, um richtig zu treffen», meint er und grinst. Das Bogenschiessen gefällt ihm. «Das war das Beste am heutigen Tag», wird er am Abend sagen. Die stämmige Allegra (10) neben ihm pfeift und blickt stolz um sich. Sie hat schon wieder drei Pfeile knapp neben das Zielblatt ihres Holzstosses geschossen, während alle anderen ihr Schiessgerät erst in Position bringen. Allegra hat Übung im Bogensport, für die anderen ist das Neuland.

Anker legen, Ziel anvisieren und Schuss

Bogenspezialistin Andrea hat zu Beginn erklärt, wie das geht: «Quer stehen, hüftbreit, den Bogen bei der Einbuchtung halten und nach vorne strecken, den Pfeil drauf legen, die Farbe muss nach oben zeigen, Anker legen mit der anderen Hand an der Backe, Ziel mit beiden Augen anvisieren und schiessen.» Dann hat sich die erste Gruppe Kinder auf den Schiessstand verteilt und Versuche gestartet. «Erst wenn alle ihre Pfeile verschossen haben, geht ihr sie holen», gibt Andrea vor. Und Isabelle (Name richtig geschrieben?) fügt warnend hinzu: «Sonst werdet ihr von den anderen erschossen!»

Isabelle ist eine der Betreuerinnen, die an diesem Donnerstag für drei grössere Kinder schaut, während deren Eltern auf dem Beatenberg fein essen und Alphorn blasen. Sie arbeitet in der Firma Cembra Money Bank und leistet hier einen Sozialeinsatz, wie die anderen 13 Cembra-Frauen und Männer auch. Isabelle will gerade wissen, wie Bogenschiessen geht, und stellt sich mit dem Gerät in die Reihe. Sie hat selber keine Kinder und geniesst es, einen Tag mit den Wildfängen zusammen zu sein und sich auf ihre Spiele einzulassen. Heute hat sie bereits Klatsch-Spiele gelernt und von ihren Musikvorlieben erfahren. 

Bogenschiessen muss können, wer sich im Wilden Westen, also in Amerika aufhält. Und das tun die Familienferien-Kinder an diesem Donnerstag. Die Kindergruppen, die im Tipidorf aufs Bogenschiessen warten, üben sich im Blasrohr-Blasen oder im Hufeisen-Werfen, wie echte Cowboys und Cowgirls. Die blonde, sonnengebräunte Joëlle (12) trifft dabei just den Fotografen Markus in den Bauch, der auf dem Boden liegend seine Profi-Aufnahmen machen will. Die umstehenden Mädchen kichern. Danach gibt’s Stärkung an den Holztischen zwischen Tipizelten.

Amerikanische Träume

In der Turnhalle im Dorf trainieren die rund 30 Kleinkinder der Familienferien. Sie wollen den Aufstieg schaffen an die Weltspitze des Sitzball und Völkerball. Ob dieser «american Dream» wohl wahr wird? Wer weiss, aber erst ist ein «Zvieri» auf dem Spielplatz beim Bahnhof Meiringen angesagt.

Am Morgen bereits waren Kinder und Betreunde auf den Spuren des «american Dream». In der Zwergenhöhle des Hotels – mehr davon später - bastelten sie Traumfänger, grössere Kinder alleine, kleinere mit Hilfe ihrer Cembra-Betreuerin oder ihres Cembra-Betreuers. Lina half dem neunjährigen Dario, Mariangela der gleichaltrigen Dominique. Sie umwickelten einen Reifen mit Bändern, woben mit Faden eine Art Spinnennetz hinein und dekorierten alles mit Federn, farbigen Perlen und herunterhängenden Bändern. Sie geniesse es, mit den Kindern und ihrem Team zusammen zu sein, sagte Lina, die Leiterin der Cembra-Gruppe. Im Alltag ist sie als Aussendienstmitarbeiterin oft alleine unterwegs. Und welche Wünsche sollen die Traumfänger erfüllen? Dario möchte nochmals mit dem Monster fahren. Das ist das Trottinett, mit dem er am Vortag den Berg runterrasseln durfte. Dominique wünscht sich eine Sternschnuppe. Die soll ihr viele Geburtstagsgeschenke besorgen. Bald schmücken filigrane Traumfänger in allen Farben die Fenster.

Strich um Strich ins Disney World

Nun, eine Reise nach Amerika wäre nichts, ohne einen Ausflug ins Disney World! Kaum angekommen im Hotel, erfahren die Kinder von Markus, wie man Comicfiguren mit einfachen Strichen hinkriegt – und sind wieder hellwach. Markus ist der Schöpfer von Lily und Tim, die beiden Comicfiguren, die die Kinderkrebshilfe überall hin begleiten. Heute sollen Lily und Tim zwei Zwerge sein – weshalb: davon später. Bei Tim kommt erst die Kappe, dann ein grosser Bart, dann die Haare – und schliesslich das Gesicht. Doch wie sieht ein zufriedenes Gesicht aus? Markus zeichnet zwei Augenschlitze und einen lächelnden Mund. Und wie ein wütendes, ein extrem wütendes, ein erschrockenes oder ein freudig überraschtes Gesicht? Alles mit wenigen Strichen möglich. Die Kinder versuchen, die Tipps auf ihrem Blatt umzusetzen. Schliesslich sind sie in vielen Varianten zu sehen, die Zwergenkinder Lily und Tim.

Druch den Föhnsturm kehren die Eltern zurück zu den sehnsüchtig wartenden Kindern. Ein paar Umarmungen und Abstecher ins Familien-Hotelzimmer – und schon versammeln sich Gross und Klein, mit Zwergenhüten und Umhängen bewehrt, in der Zwergenhöhle, wo ein paar Gartenzwerge ständig ausharren. Ach so, jetzt wird klar, was diese Familien in Wahrheit sind, nämlich verkappte Zwerge! «Unsere Zwerge erkennt man im Normalfall nicht», erklärt Oberzwerg Daniela, im normalen Leben Präsidentin der Kinderkrebshilfe Schweiz. «Nur wenn die Zwerge unter sich sind, zeigen sie ihr wahres Gesicht.»

 Marshmallows zum Schrumpfen

Klein geschrumpft sind übrigens alle gleich am Sonntag, dem ersten Ferientag. Das haben die Kinderkrebshilfe-Zwerge organisiert – also Daniela und zehn weitere Zwerge, wie das meiste, was in dieser Ferienwoche auf der Zwergenhochburg Haslital geschieht. Sie schickten die Familien auf einen Zwergenschrumpf-Parcours. Eltern und Kinder mussten Tannzapfen-Weitwurf und Spinnweben-Wettrennen bestehen und zweigen, wie gut sie im Fischen, im Skifahren und in Geschicklichkeit sind und schliesslich Fragen zu afrikanischen Tieren beantworten. Zum Glück bestanden alle den Test. Die Kinderkrebshilfe-Zwerge verabreichten allen eine Portion Schrumpfkaugummis, Schrumpfgummibärchen oder Schrumpfmarshmallows, die, kaum in den Mund gesteckt, die Menschen in Zwerge verwandelten. Sogleich erhielten sie ein Zwergenvisum. Damit konnten sie fortan jeden Tag einen Kontinent zu bereisen, erst Afrika, dann Asien und schliesslich – eben heute - Amerika. Die Kaugummis, Gummibärchen und Marshmallows mussten sie allerdings täglich einnehmen, sonst wäre der Zauber verflogen.

«Schön, seid ihr alle da», ruft Oberzwerg Daniela in der Zwergenhöhle und bittet zum abendlichen Zwergentanz. Jeder hält jemanden an der Schulter, und los geht‘s! «Ho», schreien alle und «bumbumbum» und stampfen dazu. Dann setzen sich alle in den Kreis und singen fröhlich «Zwerge chömed us allne Kantöne, faria faria ho, münd eus verstecke de ganzi Tag, faria faria ho.» Dann folgt ein Klatschlied auf die Beine, auch jene des Sitznachbarn. Gesichter strahlen, Wangen glühen und Zwergenhüte wackeln. Ob darunter Haare wachsen oder nicht, ist einerlei. Die Cembras erhalten ein Dankeschön-Mitbringsel und alle hören, dass am nächsten Tag die grosse Abschieds-Zwergenmultikulti-Party steigt. Dann lockt der knurrende Bauch zum Abendessen. Und was kommt danach? Womöglich einmal mehr das, was Teenager Pascal besonders schätzt an diesen Familienferien: ein Austausch im kleinen Kreis über Erfahrungen mit dem Krebs im Körper.

 

Regula Pfeifer

 

 

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